Moveable Core

Vor einigen Jahren, gab es einige Artikel in der Presse, und auch Reportagen im Fernsehen über das Asperger Syndrom. Da neben mir selbst auch meine Frau einige meiner Verhaltensweisen als eigenartig bezeichnete war das der konkrete Anlass einfach mal zum Psychologen zu gehen, und das abklären zu lassen.
Ich selbst habe nicht wirklich an Asperger geglaubt, da das immer wieder mit einer Unfähigkeit zum lesen anderer Menschen beschrieben wurde. Ich hatte nicht das Gefühl, das ich nicht merke was andere Menschen vorhaben, oder was ihre Beweggründe sind, sondern eher, dass ich selbst das zwar erkenne, mich das aber nicht weiter interessiert.

Auch der Psychologe, den ich daraufhin aufsuchte war sich nach mehreren, zusammen etwa 3 Stunden dauernden Gesprächen sicher, das es bei mir nicht um Asperger geht, konnte jedoch, einen Mangel an gezeiter Empathie bestätigen. Seine Diagnose lautete damals F60.1 Schizoide Persönlichkeitsstörung. Von diese Diagnose wissen nur die wenigsten in meinem Umfeld, was hauptsächlich daran liegt, dass mich mein Freundeskreis schon sehr lange kennt, und es für sie eben schlicht die Art ist, wie ich mich verhalte. Es bestand also einfach nie die Notwendigkeit. Aber worum geht es bei der schizoiden Persönlichkeitsstörung? Nun, die Diagnosekriterien sind wie folgt:

Mindestens drei der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen müssen vorliegen:

  1. wenn überhaupt, dann bereiten nur wenige Tätigkeiten Freude;
  2. zeigt emotionale Kühle, Distanziertheit oder einen abgeflachten Affekt;
  3. reduzierte Fähigkeit, warme, zärtliche Gefühle für andere, oder Ärger auszudrücken;
  4. erscheint gleichgültig gegenüber Lob oder Kritik von anderen;
  5. wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit einem anderen Menschen, bevorzugt solche, die keine innere Bindung einschließen;
  6. fast immer Bevorzugung von Aktivitäten, die alleine durchzuführen sind;
  7. übermäßige Inanspruchnahme durch Phantasien und Introvertiertheit;
  8. hat keine oder wünscht keine engen Freunde oder vertrauensvollen Beziehungen (oder höchstens eine);
  9. deutlich mangelndes Gespür für geltende soziale Normen und Konventionen. Wenn sie nicht befolgt werden, geschieht das unabsichtlich.

Daneben handelt es sich um eine Differentialdiagnose, d.h. es gibt noch eine handvoll weiterer Krankheiten mit ähnlichen oder gleichen Eigenschaften, die vorher ausgeschlossen werden müssen. Dazu gehören z.B das schon erwähnte Asperger, und auch mit dem häufigen – zu allem Überfluss auch noch falschen – Bild des schizophrenen der innerlich zwei Personen in sich tragen soll, hat das nichts zu tun. Ich bestehe definitiv innerlich aus nur einer Person. Das beruhigte schonmal die wenigen Menschen, denen ich davon erzählt habe.

Nun liest sich dieser Kriterienkatalog ja ganz nett, drückt aber nur recht unzureichend aus, wie sich das ganze im Alltag auswirkt. Am schwierigsten im Umgang mit Mitmenschen ist wohl, das ich relativ emotionslos rüberkomme, während ich selbst “von innen” ständig gedanklich und auch emotional beschäftigt bin. Im Gegenzug nehme ich die Emotionen anderer zwar wahr, aber sie haben keinen besonderen Einfluß auf mein eigenes Gefühlsleben, insbesondere bekommt mein Umfeld dadurch so gut wie nie eine Rückmeldung, das ich mitbekomme, wie es ihnen geht. Wenn ich auf Ihre Gefühle reagiere, dann in der Regel eher sachlich helfend. So etwa “Du hast Depressionen, und willst dich am liebsten verkriechen? Soll ich für dich den Einkauf machen?”

In der letzten Woche hatte ich ein ganz gutes Gespräch in dem es eigentlich “nur” allgemein um mein Gefühlsleben ging, aber zum ersten Mal hatte ich einen Gedanken, der ganz gut beschreibt, wie es sich für mich anfühlt, und mir vielleicht einen Weg zeigen könnte, im Alltag besser damit umzugehen. Denn dort führt es durchaus zu handfesten Problemen.

Die Idee ist aus irgendeinem Grund in meinem Kopf schon mit dem angehängten Namensschild “Moveable Core” aufgetaucht. Also behalte ich den einfach bei. Eventuell komme ich ja noch dahinter warum sich mein Unterbewusstsein diesen Namen ausgesucht hat.
“Core” auf jeden Fall deshalb, weil ich wenn es um Gefühlen geht, gerne in Schichten denke. Ich lasse andere Menschen schichtweise an meine Gefühle, und in der Mitte gibt es eben diesen Kern. Wenn ich feststelle, das ein fremder Mensch achtsam mit dem umgeht, was ich ihm von mir gezeigt habe, bekommt er die nächste Schicht zu sehen. Ich würde sagen es sind ca. 3 Schichten für jedermann, danach beginnt der Bereich für Menschen, die ich Freunde nenne, oder eben die Partnerin. Dieser Bereich ist der Kern, er besteht nicht mehr wirklich aus Schichten, und ist für mich schwerer in Worte zu fassen.

Es ist eine Zone aus Dingen, und Gefühlen, mit denen man mir wehtun könnte. Jedenfalls habe ich diesen Kern in der letzten Woche mal so definiert. So einen Kern hat wol jeder Mensch. Nun gibt es bei mir gefühlt einen Unterschied, der mir nach besgatem Gespräch aufgefallen ist, und den ich gerade daraufhin abklopfe, ob er nicht auch das Wesen der schizoiden Persönlichkeitsstörung ausmacht. Dieser Kern ist bei mir, wie der Warpkern der Enterprise “abwerfbar”.

Falls jemand die Serie nicht kennt. Das (fiktive) Raumschiff Enterprise besitzt als Hauptenergiequelle einen Warpkern, der zwar unter Normalbedingungen ungefährlich ist, aber bei einer Beschädigung das gesamte Raumschiff zerstören könnte. Daher ist es möglich diesen Kern in gefährlichen Situationen abzustoßen. Danach ist man dann zwar ohne Antrieb ein Fall für den intergalaktischen Abschleppwagen, aber zumindest hat es einen nicht zerrissen. Soweit zu einem etwas hinkenden Vergleich.

Nun bin ich nicht in der Lage, meinen “Gefühlskern” abzustoßen, und mich dadurch komplett unempfindlich für Gefühle zu machen. Ich fände das auch nicht besonders erstrebenswert. Ich habe allerdings ein ständig aktives Überwachungssystem, ob dieser Kern in Gefahr ist, und kann ihn bei Gefahr aus der Schußlinie nehmen. Daher wohl der Name “Moveable Core”.

Nun erlebe ich es häufiger mal, das auch andere Menschen ihre Gefühle eine Weile abschotten, besonders, wenn es um das Ende einer Beziehung geht, aber es gibt vermutlich den Unterschied, dass das mit einem hohen emotionalen Aufwand verbunden ist. Sie schieben quasi einfach andere Emotionen (meist Hass) zwischen den emotionalen Angriff und ihren Kern. Diese Emotionen benötigen oft genausoviel Energie, und zehren daher kurzfristig genauso von der Kraft.

Der Unterschied scheint zu sein, das es für mich keinen Aufwand bedeutet, meinen “Core” mal eben aus der Schußlinie zu nehmen. Vermutlich ist das auch der Grund, warum ich nach außen eher gefühlskalt rüber komme. Menschen, die einfach mal nur testen möchte, ob ich denn überhaupt keine Emotionen zeige, probieren es gerne mal mit kleinen Stichen in diesen Kern. Wenn ich das bemerke (und darin bin ich recht gut) dann nehme ich den zur Seite, und es kommt keine Reaktion zurück.

Ein, zwei Menschen haben bisher in meinem Leben diese Verschiebebewegung bemerkt, und korrekt als emotionale Reaktion gedeutet. Diese nenne ich heute meine besten Freunde. Ich werde für mich dieses Thema weiter verfolgen. Vielleicht bekomme ich über diesen Ansatz den gesamten Themenkomplex endlich zu fassen, und kann mir Lösungsstrategien überlegen. Ideen sind immer gern gesehen. Raumschiffanalogien werden bevorzugt behandelt :-)
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