Sexismus - The Next Generation

Durch die @Terrorzicke wurde ich heute morgen auf einen Artikel bei Süddeutsche.de aufmerksam gemacht. Ich habe mir den Artikel durchgelesen, und fand ihn im großen und ganzen in Ordnung. Vieles von dem, was dort von der Psychologin Elisabeth Raffauf empfohlen wird, finde ich ebenfalls besser als eine “So kommst Du mir nicht vor die Tür, und damit basta” Erziehung.

In der Folge gab es dann aber wohl doch ein Mißverständnis darum, das ich mit “in Ordnung” einfach nur meinte, das der für mich, der ich eine Tochter habe, hilfreich ist. Die @Terrorzicke hob eher darauf ab, dass hier der Aspekt fehlt, dass gleichzeitig aber auch Jungs dahingehend erzogen werden müssen, ihre Finger bei sich zu behalten. Da Twitter generell kein gutes Medium ist um eine Art Diskussion zu führen, versuche ich das Thema mal in Form dieses Blogeintrags für mich auseinander zu dröseln.

Der konkrete Grund warum speziell dieses Thema mich derzeit besonders beschäftigt ist, das unsere Tochter gerade auf die weiterführende Schule gekommen ist. Bisher war sie alles andere als modisch interessiert. Gelegentliches Auftragen von Schminke oder Nagellack fielen doch eher in die Kategorie Verkleidung. Seit dem Wechsel auf die neue Schule hat sich das jedoch geändert. Sie kann plötzlich lange Zeit mit dem Aussuchen von passender Kleidung verbringen, und macht sich Gedanken über das Aussehen, und wie sie auf Gleichaltrige wirkt. Wie Frau Raffauf es in dem Interview erwähnt, ist es wohl derzeit eher ein Vergleich mit den anderen Mädchen als ein Gedanke darauf, wie sie auf Jungs wirkt. Aber das wird sich ändern, und irgendwann stehen wir dann auch vor der Frage, “Darf sie so raus, oder nicht”

Und an dieser Stelle hat die @Terrorzicke völlig recht. Hier fehlt etwas. Während es in unserer Gesellschaft als vollkommen normal angesehen wird, das man als Eltern dafür sorgt, das die Tochter nur in Kleidung unterhalb der Wahrnehmungsgrenze geschlechtsreifender Jungs aus dem Haus geht, scheint das Gegenteil einfach nicht zu existieren. Oder führt jemand unter den Lesern hier ein Gespräch mit seinem Sohn in der Art “So kannst Du aber nicht aus dem Haus gehen. Hast Du mal darüber nachgedacht, wie bedrohlich so eine Nietenlederjacke auf Frauen in der U-Bahn wirken kann”?

Ich glaube aber auch, das wir solche Argumentationen ernsthaft brauchen. Das Abgleichen des eigenen Outfits mit dem der anderen Jungs, gab es in meiner Zeit auch, Das Spektrum des dabei möglichen, war deutlich kleiner und beschränkte sich in der Regel auf Variationen von Schuhen und Jacken. Was in dieser Zeit aber deutlich zulegte, war die zur Schau gestellte männliche Coolness.

Mangels eigenem Sohn muß ich dabei jetzt mal auf das zurückgreifen, was ich bei meinen winterlichen Fahrten im Schulbus so sehe. Und es scheint sich in den letzten 35 Jahren nicht viel geändert zu haben. Jungs machen die Rangfolge innerhalb ihrer Gruppe immer noch über Überlegenheit aus. Sei es gefühlt (Coolness), oder real über Raufereien in diversen Härtegraden. Geistige Überlegenheit fällt mir im Bus hauptsächlich dadurch auf, dass sich diese Jungs aus den Rangkämpfen oft heraushalten, und ihre eigene Gruppe bilden. Da wächst dann wohl die nächste Generation Nerds heran.

Möglicherweise liegt hier ja ein Grund dafür, das es als normal empfunden wird, das Mädchen durch die Wahl ihrer Kleidung dafür zuständig sind, das der zwischengeschlechtliche Umgang nicht eskaliert. Veränderungen bei der Kleidung ist eben leichter zu erkennen als eine langsame charakterliche Veränderung. Als Lösung dieses Problems möchte ich das allerdings nicht akzeptieren.

Dummerweise fällt nun die Zeit, in der es besonders wichtig wäre, die Erziehung in die Richtung eines gleichberechtigten Miteinanders aller Geschlechter zu steuern auch in die Zeit, in der der Einfluss der Eltern in der Erziehung immer geringer wird. Diese Rolle übernehmen dann zunehmend der Freundeskreis der Kinder und die Medien. Trotzdem können wir uns als Eltern nicht aus der Verantwortung stehlen.

Wir können dafür sorgen, das unsere Kinder mit dem optimalen Rüstzeug versehen sind, um dieses “gegenseitig Erziehen” in der Clique zu einem befriedigenden Ergebnis zu führen. Kinder sollten meiner Meinung nach schon recht früh lernen, warum sich Menschen verhalten wie sie es eben tun. Auch indem man mal erklärt warum man selbst mal die ein oder andere Dummheit gemacht hat. Kinder sollten bis zum Beginn der Pubertät wissen, dass so manches Verhalten eben reines Imponiergehabe ist, und das sollten vor allem auch Jungs wissen, um beim nächsten Rangkampf selbstbewusster darauf verzichten zu können, oder innerhalb der Clique vielleicht einen gleichberechtigteren Umgang miteinander aufzubauen.

Was es dazu unbedingt braucht sind neue Rollenvorbilder. Einerseits müssen wir Eltern unseren Kindern diese Rollen vorleben, andererseits brauchen wir auch geeignete Rollenvorbilder in den Medien. Unter diesem Aspekt gefiel mir ein Blogeintrag von Ines Häufle zum #aufschrei ganz besonders gut. Sie ruft dort vor allem Fernsehautoren dazu auf neue Rollenvorbilder anzulegen.

Leider ist es bis dahin noch ein langer Weg, und wenn die eigene Tochter heute Abend in der Tür stünde, und in die Disco wollte, dann ist es immer noch die Zeit in der Jungs rumlaufen, die sich nicht im Griff haben. Und ich würde zumindest sichergehen, das ihr das bewusst ist.

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